Ganz Amerika bejubelt zurzeit eine Postkarte. Ein Piktogramm, das zeigt, welche Eigenschaften erfolgreiche Menschen auszeichnen. Berühmt wurde die Karte durch Dave Kerpen, ein recht umtriebiges Bürschchen: erfolgreicher Software-Unternehmer und Bestseller-Autor, der es in den USA zu einer erstaunlichen TV-Popularität gebracht hat. Er stellte die Karte ins Netz. Ihren Ursprung hat sie bei einer Coaching-Firma.
Eine Eigenschaft erfolgreicher Menschen soll hier gleich an erster Stelle weitergeleitet werden: Sie lesen gute Bücher! Diese Tatsache war ja schon im Januar nach Amerika durchgedrungen, als Mark Zuckerberg seinen Neujahrs-Vorsatz 2015 bekanntgab: alle zwei Wochen ein Buch… Silicon Valley und New York City entdecken die Grundlage aller Hochkulturen – das Lesen! Wie schön! weiterlesen »
Und das sollten wir alle mal lieber schön bleiben lassen. Findet jedenfalls Hermann Hesse (1877-1962), unser großer Literatur-Nobelpreisträger. Sogar für „einen der gefährlichsten Feinde des Buches“ hält Hesse die Zeitung. Und warum?
Zwei New Yorker Psychologen, Emanuele Castano und David Comer Kidd von der New Scool for Social Research, haben es bewiesen: Die Lektüre von literarischen Klassikern hilft uns, andere Menschen besser einzuschätzen. Die beiden ließen hunderte von Probanden entweder Klassiker, populäre Bestseller [man könnte auch sagen: Schundromane] oder Sachbücher lesen. Und was passierte? Die Gruppe der Klassik-Leser konnte hinterher die Gefühle, Absichten und Erwartungen anderer Menschen wesentlich besser interpretieren. Sie konnte tatsächlich die Gedanken ihres Gegenübers besser lesen.
In diesem Jahr ist ein großartiger Briefwechsel bei Suhrkamp erschienen. Es schreiben sich Theodor W. Adorno (1903-1969), der Frankfurter Philosoph, und Gershom Scholem (1897-1982), der renommierte jüdische Religionshistoriker. Beide Hochschullehrer, beide Intellektuelle auf der Höhe ihrer Zeit, beide brillante Denker. Und schon die ersten Sätze Adornos lassen einem das Herz aufgehen: