Vor ein paar Tagen habe ich angefangen, einen neuen Vortrag zum Thema interne Kommunikation zu schreiben. „Dialog“, „Transparenz“ und so weiter sind da die Stichworte, aber natürlich auch „Fauxpas“ und „Missverständnisse“. Zumindest wollte ich an dem Text arbeiten, aber es kam zu Irritationen aus dem Nebenzimmer. J. (10) und M. (6) waren ganz offenbar mal wieder unterschiedlicher Meinung. Die beiden wurden immer lauter, und ich fragte mich, ob ich bei meiner Devise „Nicht eingreifen, ehe einer heult“ bleiben sollte. Das hatte sich aber schnell erledigt, denn Sekunden später standen sie neben mir, und sie heulten beide.

J. hatte seine vier Jahre jüngere Schwester mal wieder kurzerhand mit einem Judogriff aus dem Weg geschafft. „Du S.“ habe sie aber schließlich vorher zu ihm gesagt, empörte er sich. (Wir befinden uns hier im Schimpfwörterkontext der agrarischen Nutztierhaltung.) Nein, habe sie nicht, wirklich nicht, kam von M. zurück. Und das stimmte. J. überlegte, und dann kam die Antwort: „Ich habe es so wahrgenommen“. weiterlesen »

Es ist mir schon wieder passiert. Ich bin angemeckert worden. Ohne, dass ich etwas Böses getan hätte. Also so ähnlich wie im ersten Satz von Franz Kafkas Roman „Der Prozess“ (1914/15): „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“  Jetzt bin ich zwar glücklicherweise nicht gleich verhaftet worden, aber wenn meine Kontrahentin das gekonnt hätte, wäre sie zweifelsohne auch davor nicht zurückgeschreckt …

Das Wochenende begann harmlos. Wir wollten uns mit Freunden auf dem Markt treffen, und ich parkte am Rande einer großen Garageneinfahrt. Perfekter Parkplatz. Nur das Heck des Wagens ragte rund 30 Zentimeter dorthin, wo der Kantstein schon abgesenkt war. Ich blockierte das Tor aber nicht und wollte los. In dem Moment ging im Hochparterre eine Balkontür auf. Eine sichtlich übellaunige Dame stürmte heraus und fuhr mich an: „Sie wollen doch da wohl nicht stehen bleiben!“ Ich fragte, ehrlich erstaunt, zurück: „Warum denn nicht?“ Und statt einer Antwort schmiss sie die Tür von innen wieder zu. Damit konnte ich nun wirklich nichts anfangen. Keine Antwort ist eben nicht auch eine Antwort. Keine Antwort ist ganz einfach keine Antwort. weiterlesen »

Beim Autofahren schimpfe ich angeblich ziemlich viel. Über andere, die auch Auto fahren. Das sagen zumindest diejenigen, die öfter meine Beifahrer sind, meine Kinder zum Beispiel. Ich muss jetzt immer einen Euro in unsere Familienkasse zahlen, wenn ich bestimmte Wörter am Steuer sage. (Dabei handelt es sich natürlich immer um familienfreundliche Schimpfwörter. Leicht ins Vulgäre rutsche ich nur ab, wenn ich wirklich ganz alleine bin.) A., der neulich zum ersten Mal mit mir fuhr, fand es wahnsinnig komisch, dass ich mich überhaupt an andere Autofahrer wende, obwohl die doch kein einziges Wort davon mitbekommen. Dabei hatte ich in dem Fall nur etwas schärfer einer Knalltüte, die ungebremst von links an mir vorbeischoss, hinterhergerufen: „Danke! Das wäre meine Vorfahrt gewesen.“ „Na ja“, meinte A., die Kinder hätten ihm das auch schon gesagt, dass ich beim Autofahren „wohl nicht immer ganz in meiner Mitte“ sei …

Das haben die so garantiert nicht gesagt. Es wird vermutlich wesentlich deutlicher gewesen sein, aber es ist ein schöner Euphemismus für das, was mit mir beim Autofahren passiert. Selbst kleinste Verfehlungen kommentiere ich. Jeder, der meinen Weg auch nur in kleinster Weise behindert, bekommt meine Bemerkungen ab. Schließlich sind die, die vor mir fahren, und mich auf der Straße sabotieren, ja offensichtlich in ihrer Mitte. Jedenfalls die, die mir die Vorfahrt nehmen, … und die, die mit 45 in der Stadt vor mir herschleichen, … und die, die einfach anhalten ohne zu blinken. Oder diejenigen, die mit 120 auf der A7 auf der linken Spur fahren. weiterlesen »

„Bücher“, sagte der Schriftsteller Jean Paul (1763-1825), „sind nur dickere Briefe an Freunde“. Damit meinte er natürlich Briefe, die der Autor seinen Lesern schreibt. Für mich hat dieser Satz allerdings eine andere Bedeutung bekommen, seit meine Freunde anfingen, mir merkwürdige Bücher zu schenken. Seitdem frage ich mich nämlich, ob das Buch ein Brief von ihnen an mich sein soll. Es begann damit, dass ich von meiner Freundin V. „Kress“ (2015) von Aljoscha Brell bekam …

Der Protagonist Kress studiert in Berlin Literaturwissenschaft und Philosophie, interessiert sich für Goethe und Kleist und besucht Seminare zur Ethik Immanuel Kants. „Deswegen hat sie mir das geschenkt“, dachte ich. Dann allerdings stellt sich schon ziemlich bald heraus, dass dieser Kress nicht ganz dicht ist. Den Werbemüll aus seinem Briefkasten stopft er in die der Nachbarn. In seiner dunklen, runtergekommenen Wohnung steigt er über Massen von leeren Flaschen. Jeden Morgen unterhält er sich am Küchenfenster mit einer Hinterhoftaube, die er „Gieshübler“ nennt und siezt. Und bald schon stalkt er eine Kommilitonin, dringt heimlich in ihre Wohnung ein und hat im Grunde nichts mehr unter Kontrolle. Gar nichts. Sollte das etwa auch etwas mit mir zu tun haben? weiterlesen »

Haben Sie schon von dem spektakulären Hamburger Brotmesser-Mord gehört?… Ich auch nicht, kommt aber noch! Es gibt zwar noch keine Tat und kein Motiv, auch noch keinen Mörder. Aber es gibt bereits eine Tatwaffe – das Brotmesser. Und das trägt unglücklicherweise die Fingerabdrücke meiner Freundin B. Sie hat einen besonderen Hang zum Kriminalistischen. Themen dieser Art begegnen ihr merkwürdigerweise andauernd, sie verfolgen sie geradezu. Und wenn der „stern“ mal wieder eine Geschichte über irgendeine abseitige Provinz-Perversion veröffentlicht (unbedarfte Frau lernt ihren Mörder im Internet kennen und endet in einem feuchten ungeheizten Haus in der Nähe der Mecklenburgischen Seenplatte; das Ganze kommt nur raus, weil der Täter morgens nackt im Garten Trompete spielt, oder so ähnlich), dann kennt sie die meistens schon.

Das Brotmesser hat B. an ihren Gemeinschafts-Mülltonnen vergessen. Sie brauchte es für etwas, das mit Kübelpflanzen zu tun hatte, aber an sich wohl keine so gute Idee war. Es war ein scharfes, teures Brotmesser. Ihr bestes, und am nächsten Morgen war es weg. Scharfsinnig konstruierte sie die Geschichte, die nun folgen wird: Derjenige, der das Messer genommen hat, kann jetzt bequem jemanden damit umbringen, ohne je belangt zu werden, denn am Messer sind ja ihre Fingerabdrücke und ihre DNA. Vermutlich wird bald schon die Polizei vor der Tür stehen, und ob sie dann für den Tatzeitpunkt ein Alibi hat, ist mehr als fraglich. Ihre Unschuld nachweisen wird sie unter diesen Umständen kaum können. So und nicht anders wird es eines Tages kommen… Am besten, ich fange schon mal an, verschiedene Versionen von Gnadengesuchen an den Bundespräsidenten zu formulieren. weiterlesen »