Mitarbeiterführung hat viel mit Erziehung zu tun. Deswegen bekommen Sie heute ein paar Verse, die mich im „aufbau literatur kalender“ durch diese Woche begleiten. Sie sind von Friedrich Rückert (1788-1866), aus seinem sechsbändigen Werk „Die Weisheit des Brahmanen. Ein Lehrgedicht in Bruchstücken“ von 1838. Rückert war nicht nur Dichter, sondern auch Gymnasiallehrer, Privatdozent und Universitätsprofessor. Er war unglaublich belesen und beherrschte mehr als 40 Sprachen. Ein philologisches Genie.

 

„Ich gebe dir, mein Sohn, das mögest Du mir danken,/ Gedanken selber nicht, nur Keime von Gedanken.

Nicht mehr zu denken sind Gedanken, schon gedacht;/ Von Blüten wird hervor kein Blütenbaum gebracht.

Doch ein Gedankenkeim, wohl im Gemüt behalten,/ Wird sich zu eigener Gedankenblüt entfalten.“

 

Da sind wir doch wieder beim „Selber denken!“ von Immanuel Kant. Und sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen gilt: Einfach mal selber machen lassen. Wenn jemand eigene Wege und eigene Gedanken findet, können sich überraschend positive und ungeahnte Dinge auftun. Eine neue deutsch-schweizerische Studie belegt, dass Sechstklässler, die ihre Hausaufgaben alleine machen, bessere Deutschnoten haben und auch besser lesen lernen als Kinder, deren Eltern ihnen bei den Schularbeiten helfen (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. Januar 2016). weiterlesen »

sofa_rega_blogWenn jemand eins seiner Bücher schon „Lyrische Hausapotheke“ nennt, dann sollten wir da vielleicht einfach mal reingucken. Hört sich nach Beistand in schwierigen Lebenslagen an. „Jemand“ ist natürlich nicht irgendjemand, sondern Erich Kästner (1899-1974). „Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke“ heißt seine Zusammenstellung von Gedichten aus den 20er- und 30er-Jahren.

Kästners Absicht: „Seelisch verwendbare Strophen“ wollte er schreiben. „Ein der Therapie dienendes Taschenbuch. Ein Nachschlagewerk, das der Behandlung des durchschnittlichen Innenlebens gewidmet ist.“ „Wer Kopfweh hat, nimmt Pyramidon. Wer an Magendrücken leidet, schluckt doppeltkohlensaures Natron. Bei Halsschmerzen gurgelt er mit Wasserstoffsuperoxid. Und in dem Schränkchen, das Hausapotheke heißt, halten sich, dem Menschen zu helfen, überdies Baldrian, Leukoplast, Choleratropfen, Borsalbe, Pfefferminztee, Mullbinden, Jodtinktur und Sublimatlösung in Alarmbereitschaft. Aber manchmal helfen keine Pillen.“

Dann helfen eben Worte… Glücklicherweise ist die „Lyrische Hausapotheke“ keine „Arzneiflasche ohne Etikett“. Sondern wir bekommen für jedes Problem die richtigen Seitenzahlen an die Hand. Da gibt es Gedichte für Situationen wie „wenn die Besserwisser ausgeredet haben“, „wenn das Selbstvertrauen wackelt“, „wenn man sich über Zeitgenossen geärgert hat“ oder „wenn vom Fortschritt die Rede war“. weiterlesen »

springer_blogAlles wollen wir sein. Alles. Nur nicht wir selbst. Der Veränderungs- und Optimierungswahn ist kaum noch zu übersehen. Äußerlich macht er sich natürlich am ehesten bemerkbar: Zähne können nicht weiß genug gebleacht werden, die Haut kann nicht straff genug sein. Wer heute noch seine natürliche Haarfarbe trägt, muss schon als verschroben gelten. Frauen wollen keine Frauen sein, sondern Mädchen in Kleidergröße 32 (höchstens!). Männer wollen keine Männer sein, sondern witzige Jugendliche in zu engen Jacken mit Wollmützen auf dem Kopf.

Und der innere Zwang zur Perfektion? Zur Anpassung?… Ist weniger augenfällig, hat aber auf unsere Persönlichkeit wohl noch größeren Einfluss. Manfred Lütz, Psychiater und Bestsellerautor („Wie Sie unvermeidlich glücklich werden. Eine Psychologie des Gelingens“) warnt vor der Masse an Gebrauchsanleitungen, wer wie zu sein hat: „Beispiel Bewerbungstraining: Da wird geraten, nicht die Arme zu kreuzen oder dem Chef ins Wort zu fallen. […] Wie soll ich einen Menschen kennenlernen, wenn er sich vorher eine Methode angeeignet hat?„ (stern, 30.12.2015) Recht hat er! Was für eine absurde Vorstellung, dass wir beruflich und privat als mehr oder minder präparierte, als mehr oder minder begabte Schauspieler agieren. Für wen eigentlich?

Vielleicht sollten wir uns langsam mal wieder auf uns selbst besinnen. Hermann Hesse (1877-1962) empfiehlt uns dazu im Jahr 1917 eine Tugend, die nützlich sein kann… weiterlesen »

kladde_rechner_blog„Wer oder was hilft in der Krise?“, wird die Schriftstellerin Katharina Hacker (geb. 1967) in ihrem jüngsten Interview (chrismon 01, 2016) gefragt. Katharina Hacker, die sich in ihrer Prosa durchaus als Expertin für Krisen, Umbrüche und Dilemmata auszeichnet, z.B. in „Skip“ (2015) oder dem buchpreisgekrönten Roman „Die Habenichtse“ (2006), muss es wissen. Also??

„Das Schreiben“. – Natürlich verwundert es nicht, dass das einer Schriftstellerin bei der Bewältigung schlechter Phasen hilft. Wirklich interessant ist aber das Bild, das sie uns mitgibt, indem sie erzählt, was das Schreiben in Krisensituationen gedanklich in ihr bewirkt:

„In der Krise klumpen die Sachen aufeinander. Manchmal vergisst man wahrzunehmen, dass dieser Klumpen immer noch ein Geflecht ist mit inneren Beweglichkeiten. Das Schreiben zieht dieses Geflecht auseinander, man bekommt wieder ein Gespür für die Zwischenräume – wenn es gut läuft.“ weiterlesen »

 

bauer_blog„Similarity attraction“ heißt in der psychologischen Fachsprache das, was auf deutsch „Gleich und Gleich gesellt sich gern heißt“. Wir mögen den, der uns ähnlich ist. Wir suchen uns zum Beispiel lieber gleichaltrige Freunde als viel jüngere oder ältere. Unsere Freunde sollten sich für die Dinge interessieren, die wir gut finden. Sie sollten entsprechende politische Ansichten haben. Einen vergleichbaren Konsumstil. Vom Bildungsniveau mal ganz zu schweigen!

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom vergangenen Wochenende schreibt Annemarie Diehr ausführlich darüber, was uns dabei eigentlich entgeht: „Wir geben uns vielseitig interessiert, weltoffen und kritikfähig, wollen Menschen unsere Freunde nennen, die uns Unbekanntes zeigen, unseren Horizont erweitern und uns in unserer Entwicklung vorantreiben, indem sie uns auch mal die Meinung sagen. Warum limitieren wir unsere Welt dann freiwillig, indem wir uns mit Menschen umgeben, die uns lediglich in dem bestätigen, was wir ohnehin sind?“

Ein wahrer Gedanke und eine wirklich gute Frage. Und wenn wir, wie es in unzähligen Zitaten nachzulesen ist, Bücher mit Freunden vergleichen, die uns etwas zu sagen haben, und wenn wir Bücher, wie der große Schriftsteller Jean Paul (1763-1825) als „dickere Briefe an Freunde“ ansehen, dann sollten wir auch beim Lesen einmal unser Verhalten überdenken. Wenn Literatur uns zum Querdenken anregen soll, wenn sie uns inspirieren soll und unser Herz und unseren Verstand weiten, dann dürfen wir nicht immer nur auf Altbekanntes zurückgreifen…

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